
Seit 2009 bin ich schon im Hochschulkontext unterwegs und eigenverantwortliches Lernen ist immer wieder ein Thema. Aussagen wie „Die machen eh nichts, wenn sie nicht müssen.“ halten sich leider hartnäckig. Neulich durfte ich Lehrende dazu in den Austausch bringen und neben einigen echt guten Ideen gab es eben auch einige ganz grundsätzliche Fragen. In diesem Blogpost mache ich mich auf den Weg, einige dieser Fragen aus meiner Perspektive zu beantworten.
Was ist mit Selbststudium gemeint?
In jedem Modul im Studium ist ein Anteil Selbstlernzeit enthalten. Oft teilt sich das in 1/3 Präsenzzeit (gemeinsame Lernveranstaltung ) und 2/3 Selbststudium. Aber wie kann diese Selbstlernzeit so gerahmt werden, dass Studierende diese auch nutzen? Das Selbststudium soll definitiv nichts sein, was für Studierende und Lehrende zusätzlichen negativen Stress bedeutet.
Oder überspitzt gesagt aus Sicht der Studierenden: was Lehrenden Freizeit verschafft, weil die Studierenden alles selber machen müssen.
Und die Sicht der Lehrenden darf dabei nicht sein: Das können und wollen die eh nicht und ich kann mich nicht darauf verlassen, dass sie es machen, also lassen wir das lieber gleich weg. Das bringt doch nichts.
Das Selbststudium ermöglicht es den Studierenden, sich selbstorganisiert und eigenverantwortlich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Eine Kompetenz, die in der heutigen schnelllebigen Welt mit ihren Polykrisen besonders wichtig ist. Es wegzulassen, ist also keine gute Option.
Vielleicht ist das erste Umdenken schon darin zu finden, dass Lehrende und Studierende das Selbststudium für sich selbst positiver einordnen:
„Selbststudium ermöglicht“ statt „Ihr müsst das bis morgen machen.“
„Ich habe die Möglichkeit, meinen Mitstudierenden von meinem Thema zu erzählen und ihre Perspektive kennenzulernen“ statt „Och, nun auch noch Gruppenarbeit.“
Woher soll die Motivation für eigenständiges Lernen kommen?
Menschen sind motiviert, wenn sie ein Kompetenz- und Selbstwirksamkeitserleben haben. Wem gefällt es schon, sich die ganze Zeit zu dumm zu fühlen oder wie ein Kleinkind behandelt? Ich denke, niemandem.
Wir wollen Aufgaben, die uns fordern, denn sonst kommt kein Erfolgserlebnis, wenn wir es geschafft haben, kein Stolz auf die besonders schöne Grafik, das gut gelungene Paper oder die kreative Präsentation.
Und wir wollen Aufgaben, die uns nicht überfordern. Denn wenn wir permanent überfordert sind, nie etwas gut genug machen oder die wissenschaftlichen Texte, die wir lesen sollen, einfach nicht verstehen, dann ist die Motivation im Keller und die Selbstzweifel tanzen im Wohnzimmer auf dem Tisch.
Wenn Lehrende sich also überlegen, wie Selbststudium aussehen kann, das für Studierende fordernd aber nicht überfordernd ist, dann ist es vermutlich eine gute Idee, sich dazu mit den Studierenden auszutauschen.
- Was sind ihre Themen?
- Wo blühen sie regelrecht auf, wenn sie davon berichten?
- Hören sie gern Podcasts oder lesen sie lieber Blogartikel oder Bücher?
- Oder lernen sie gern mit anderen gemeinsam?
- Was sind ihre Ideen für die Selbstlernzeit?
Die Einbeziehung der Studierenden kann helfen, ihnen zu zeigen, dass sie ein Mitspracherecht haben und nicht nur Konsument:innen sind. Viele Studierende verknüpfen mit Lernen im Studium aber genau diese Konsument:innen-Haltung. Und viele Lehrende bemängeln genau das.
Aber woher soll eine studierende Person plötzlich den Drang verspüren, die Konsument:innen-Haltung zu verlassen, wenn das nun einmal für sie stark mit Lernen verbunden ist, da es sowohl in der Schule als dann auch später in der Ausbildung ja immer so war? Da steht eine:r vorn, der dir alles erklärt und wenn du dann vor der Prüfung alles auswendig lernst, kriegst du (meistens) eine gute Note.
Wenn wir es uns anders wünschen, dürfen wir es Schritt für Schritt verändern. Und das ist ein Prozess, der sicher auch so einige Rückschläge beinhaltet. Aus meiner Sicht lohnt es sich aber sowohl für Studierende, die zukünftig viel mehr Verantwortung für ihren Lernerfolg übernehmen, als auch für Lehrende, die Kontrolle und Verantwortung guten Gewissens abgeben.
Der erste Schritt: Die eigene Haltung überdenken
Sowohl Lehrende als auch Studierende dürfen sich darin üben, Verantwortung abzugeben bzw. Verantwortung zu übernehmen für das eigene Lernen.
Seit vielen Jahren höre ich Lehrende sagen:
Die wollen und können das nicht.
Wieso soll ich jetzt Zeit investieren, nur weil denen niemand beigebracht hat, wissenschaftliche Texte zu lesen?
Die wollen ja immer nur berieselt werden, also beriesele ich sie.
Wieso machen die nie richtig mit?
ich habe mir solche Mühe gegeben, etwas vorzubereiten und dann kommt nur die Hälfte.
Mit diesen Gedanken im Kopf verbauen wir uns selbst den wichtigsten Teil für das Gelingen von mehr Beteiligung, mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation des Lernens der Studierenden.
Wenn du nichts Neues versuchst, wird auch nichts Neues passieren.
Die eigene innere Haltung zu verändern und den inneren Perfektionisten vielleicht einmal kurz zum Schweigen zu bringen und sich in unbekannte Gewässer zu wagen, das ist der erste und wichtigste Schritt, den jede Lehrperson gehen darf.
Ich erlebe viele hochengagierte Lehrkräfte, die solch einen Druck verspüren, alles richtig zu machen, auf alles eine Antwort zu haben, immer für alle da zu sein und die sich dann selbst geradezu geißeln, wenn etwas nicht geklappt hat. Natürlich verfallen diese dann häufig in Bewährtes und wagen ungern Experimente. Das ist nur allzu verständlich.
Lehrende sind aber eben auch nur Menschen. Sie dürfen auch lebenslang lernen und müssen nicht alles perfekt machen, wissen und können.
Es liegt eine richtig große Kraft und auch Freude darin, gemeinsam mit den Studierenden zu experimentieren, wenn man obige Gedanken und den Perfektionismus einmal losgelassen hat.
Der zweite Schritt: Einen gemeinsamen Rahmen erarbeiten
Wenn Lehrende erstmalig auf neue Studierende treffen, wird ein gemeinsamer Rahmen des Lernens festgelegt.
Gemeinsam wird reflektiert:
- welche Ziele und Erwartungen da sind, auch für die Selbstlernzeit,
- welche Lernformen möglich sind,
- welche Formen der Beteiligung förderlich sein können und deshalb zur Anwendung kommen werden,
- wie die Zusammenarbeit während der gemeinsamen Zeit stattfinden soll (u.a. auch welche Kommunikationskanäle genutzt werden),
- wie Unterstützung außerhalb der gemeinsamen Zeit gegeben werden kann,
- welche Wirkung auf Andere es hat, wenn dieser gesteckte Rahmen nicht eingehalten wird,
- wie Feedback gegeben wird.
Es kann durchaus passieren, dass Studierende zunächst völlig überfordert damit sind, gemeinsam diesen Rahmen zu stecken, denn möglicherweise wurden sie im Lernkontext noch nie nach ihrer Meinung gefragt. Hier ist die Empfehlung, darauf freundlich einzugehen und dann entweder mit Kleingruppen zu arbeiten, damit die Studierenden zunächst in kleinem, sicherem Kreis Raum für ihre Gedanken bekommen oder ein Brainwriting anzuregen, also eine Phase, in der die Studierenden zunächst einmal all ihre Gedanken aufschreiben sollen, um sich zu sortieren.
Der dringende Rat: Nicht aufgeben, nur weil nicht sofort alle Studierenden „Jippieh“ rufen.
Wenn der Rahmen gesteckt ist, ist eine sichere Basis für alle geschaffen. Und auf diese Basis kann immer wieder verwiesen werden.
Was der Rahmen allerdings nicht sein darf:
Ein umständliches Regelwerk, das im Grunde nur Kontrollzwecken dient.
Schritt 3: Gemeinsam experimentieren
Im Rahmen ist nun auch festgelegt, was Selbstlernzeit bedeutet und welche Erwartungen von beiden Seiten dazu bestehen.
Die Lehrperson kann nun gemeinsam mit den Studierenden überlegen, welche Aufgaben fordernd, aber nicht überfordernd sind.
- Was passt zur Praxis der Studierenden?
- Welche Themen finden Sie in ihrem beruflichen Umfeld gerade spannend?
- Welche Beobachtungen können Sie zum Thema in Ihrem Alltag machen?
- Oder welche Podcasts bzw. Blogartikel zum Thema finden Sie besonders spannend?
- Wollen die Studierenden kleine Peergroups bilden, um gemeinsam zu lernen?
- Welche verschiedenen Perspektiven gibt es vielleicht zum Thema?
- Welcher Fall aus der Praxis spiegelt das Thema gut wider.
- Was kann den Studierenden helfen, Themen zu vertiefen und besser zu verstehen?
Es ist also gar nicht zwingend notwendig, dass die Lehrperson die Aufgabe allein festlegt, sondern auch das kann ein partizipativer Prozess sein. Die Lehrperson darf das Ziel vorgeben, die Ausgestaltung, wie das Ziel erreicht wird, kann aber ganz individuell mit den Studierenden abgestimmt werden.
Eine Idee:
Es muss nicht nach jeder Lernveranstaltung eine neue Aufgabe für die Selbstlernzeit gegeben werden. Eine Möglichkeit ist es beispielsweise auch, dass Studierende ein Lerntagebuch führen, in dem sie ihr Lernen reflektieren, wichtigste Erkenntnisse, ihre Recherchen bei offenen Fragen oder passende Fälle und Situationen aus ihrer Praxis oder ihrem Alltag eintragen und in regelmäßigem Turnus in einer Peergroup (3 – 5 Studierende) besprechen und besonders spannende Erkenntnisse in die Lernveranstaltung mitbringen. Dafür ist in (vorher festgelegten) Lernveranstaltungen immer ein Slot zur Verfügung, für den sich die Gruppen anmelden können, damit die Lehrkraft gut planen kann. Die Studierenden können diesen Slot gern kreativ mit Leben füllen. Es muss nicht immer eine Power Point Präsentation sein.
Wichtig an dieser Stelle:
Regelmäßiges Feedback ist immens wichtig. Deshalb sind Peergroups hilfreich und regelmäßige Feedbackschleifen mit der Lehrperson. Wenn Studierende das nur für sich selbst machen, fehlt ihnen das Erfolgserlebnis und sie wissen auch nicht, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Die Lehrkraft ist Begleiter:in des Lernens, indem sie zum einen Feedback gibt und zum anderen Unterstützung anbietet bei Unsicherheiten und Unklarheiten – allerdings nicht 24/7 – hierfür darf im Rahmen eine machbare Variante vereinbart werden.
Was ist nun, wenn trotzdem niemand die Selbstlernzeit nutzt?
Wenn die Selbstlernzeit so verstanden wird, dass sie dem selbstorganisierten und eigenverantwortlichen Lernen der Studierenden dient, dann liegt es auch nicht in der Verantwortung der Lehrperson, ob die Studierenden die Selbstlernzeit nutzen oder nicht. Ich weiß, dass es manchen Lehrenden schwerfällt, diese Verantwortung wirklich aktiv abzugeben und das auch so klar zu kommunizieren. Aber wir können niemanden zwingen, etwas zu tun, was er/sie nicht will.
Mit den Vorschlägen und Ideen, die ich hier bereits skizziert habe, erhöht sich (nach und nach) der Anteil der Studierenden, die erkennen, wie wertvoll die Selbstlernzeit für sie ist. Und das ist das Ziel, denn dann WOLLEN die Studierenden die Selbstlernzeit nutzen und übertragen ihre guten Erfahrungen auch auf andere Studierende, die vielleicht noch skeptisch sind.
Wenn die Lehrperson ihre Lernveranstaltung auf Ergebnissen aus der Selbstlernzeit aufbaut, dann ist es wichtig, dass sie klar formuliert, dass die Studierenden hier in der Verantwortung sind. Wenn die Aufgaben gemeinsam mit den Studierenden besprochen werden, haben die Studierenden Gelegenheit, Überforderungen oder Unsicherheiten anzusprechen. Wer später noch Fragen hat, kann diese auf dem im Rahmen festgelegten Kanal stellen – vielleicht auch in die Gruppe und nicht nur an die Lehrkraft. Vielleicht ist es dennoch eine gute Idee, als Lehrkraft auf dem Kanal ein „Braucht ihr gerade noch etwas von mir für eure Aufgabe?“ einzustreuen.
Dranbleiben, sich nicht entmutigen lassen und immer wieder fragen, welche Anpassungen gemeinsam vorgenommen werden müssen.
Fazit
Für ein gelingendes Selbststudium im Studium ist zunächst die eigene Haltung zu reflektieren, gemeinsam mit den Studierenden ein klares Rahmenwerk zu gestalten und dann fordernde Aufgaben zu geben, die jedoch machbar sind. Auch hier ist eine Zusammenarbeit mit den Studierenden von Vorteil. So kann Verantwortung für den Lernerfolg in die Hände der Lernenden gegeben werden – wo sie auch hingehört. Unabdingbar sind regelmäßige Feedbackschleifen, die nicht nur auf Inhalte abzielen, sondern auch auf das eigene Lernerleben und ggf. auch die persönliche Entwicklung.
LESETIPP:
Gemeinsam mit 4 Frauen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Feldern haben wir einen Lernguide für individuelles Lernen geschrieben. Gern kannst du diesen herunterladen und verwenden.

