Eine Frau kommt zum Vorstellungsgespräch und startet mit den Worten: „Entschuldigung, das habe ich nicht so gut vorbereitet.“

Diese Frau hatte alles sehr gut vorbereitet, war kompetent, freundlich, konnte alle Fragen beantworten. Warum also dieser Satz zu Beginn? Ein Satz, der sie kleiner macht, als sie ist?

„Nimm Raum ein. Entschuldige dich nicht dafür, zu laut, zu klug, zu viel oder einfach du selbst zu sein.“
Zitat von Annalena Baerbock

Ich erlebe das vor allem bei Frauen – wenn du zu Besuch kommst, dann sagen sie Sätze wie: „Sorry, ich hab den Kuchen nur gekauft. Ich habe es nicht geschafft, zu backen.“ Oder „Guck lieber nicht so in die Ecken, ich habe es nicht geschafft zu putzen.“

All diese Entschuldigungen müssen überhaupt nicht sein. Du darfst gekauften Kuchen anbieten und du darfst auch Gäste in einer ungeputzten Wohnung empfangen. Du darfst sogar aus deiner Sicht unvorbereitet in ein Bewerbungsgespräch gehen. Denn nur du selbst weißt das. Den anderen fällt das höchstwahrscheinlich gar nicht auf. Und im Falle des Kuchens und des Putzens – es ist ihnen schlichtweg egal, weil sie wegen dir gekommen sind.

Hier einmal eine kleine Challenge:
Achte bitte zwei Wochen bewusst darauf, wie oft du dich für etwas entschuldigst. Mach gern eine Strichliste. Oder noch besser führe ein kleines Tagebuch und hinterfrage bewusst, welches Sorry du dir hättest sparen können.

Warum entschuldigen wir uns so oft?

Hier kommen Selbstzweifel ins Spiel. Das tief sitzende Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht fleißig genug, nicht liebenswert oder sympathisch genug. Das Gefühl, die anderen werden merken, dass du nicht perfekt bist und dir dann den Rücken kehren. Impostor-Syndrom (Hochstapler-Syndrom) nennt sich das. Bevor die Leute dich für eine Hochstaplerin halten, sagst du lieber gleich, dass du nicht gut genug bist und machst dich sicherheitshalber ganz klein.

Vielleicht hilft dir dieser Gedanke:
Die anderen mögen dich gerade weil du nicht perfekt bist. Denn erstens ist Perfektion ein Ideal, das wirklich niemand erreicht und an dem du dich gar nicht erst messen solltest. Und zweitens bist du eine Frau, die Fehler machen darf, die auf sich selbst achten darf, die entspannt(er) leben darf und die andere Menschen anzieht, weil sie weiß, wer sie ist, sich nicht verbiegt, sich nicht laufend entschuldigt und dadurch kleiner macht als sie ist.

Du bist längst gut genug.

Ich weiß, dass diese Zweifel im Kopf oft sehr laut sind, dir den Mut und die Klarkeit nehmen, in Situationen, wo du sie bräuchtest. Verteufel die Zweifel dennoch nicht. Sie sind aus einem bestimmten Grund da und diesen darfst du hinterfragen. Warum hast du den Impuls, dich kleiner zu machen? Ist es das Gefühl, du müsstest brav und bescheiden auftreten, damit du gemocht wirst? Woher kommt aber dieses Gefühl konkret? Und vor allem, wie kannst du es ummünzen oder loswerden?

Meine persönlichen Erfahrungen mit Ängsten und Zweifeln

Ich war sehr ängstlich. Und bin es in mancher Hinsicht auch noch.

Als Kind habe ich mich nicht getraut, bei der Nachbarin zu klingeln, um Zucker zu borgen. Ich habe meine Tante sicherheitshalber gesiezt, ich bin zum Kindergeburtstag einer Freundin losgegangen und auf der Hälfte des Weges weinend umgekehrt. Am liebsten war ich für mich und habe Bücher gelesen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mit mir was nicht stimmt, dass ich anders bin, dass ich vor allem eben nicht so gut bin wie die anderen und mich sowieso niemand mag.

Natürlich kommen diese Zweifel nicht von ungefähr. Ich habe mich damit sehr intensiv beschäftigen dürfen und verschiedene Menschen haben mich dabei unterstützt. Coaches und Psychotherapeutinnen. Denn diese Zweifel haben mich ins Burnout getrieben und es war wirklich notwendig geworden, dass ich anfange, in mich selbst hineinzuschauen, meine Gedanken zu hinterfragen und all den echt unsinnigen Quatsch, der da so tagtäglich in meinem Kopf herumging.

Meine Freundin Katalin hat mal zu mir gesagt: „Wenn du dich nur so sehen könntest, wie ich dich sehe.“

Inzwischen kann ich mich selbst gut finden. So richtig gut. Ich weiß, was meine Stärken sind und ich weiß, dass ich mich nicht anpassen muss, um gemocht zu werden. Ich mag mich selbst und brauche die Bestätigung von außen nicht (obwohl es natürlich schön ist, Komplimente und positives Feedback zu bekommen 😉.

Wie kannst du die Zweifel loswerden?

Vielleicht vorab: Deine Zweifel werden dich nicht gänzlich verlassen. Und doch kannst du versuchen, sie zu überschreiben, in den Momenten, in denen sie dir nicht nützen.

Schritt 1: Nimm deine zweifelnden Gedanken bewusst wahr.

Schritt 2: Atme tief ein und noch tiefer aus. Sage dir selbst: „Hey Zweifel, ich sehe dich. Gerade jetzt brauche ich dich jedoch nicht. Denn ich kann in dieser Situation auf mich vertrauen. Das wird gut.“ (oder so ähnlich, mit deinen Worten und passend zur Situation)

Schritt 3: Richte deinen Körper auf. Kreise die Schultern kurz und lasse sie dann hinten unten. Lächle. Diese Veränderung des Körpers und das Lächeln bewirken, dass dein Kopf quasi auch wirklich glaubt, dass du dich gut genug fühlst.

Probiere das vor dem nächsten schwierigen Gespräch oder einer anderen Herausforderung gern mal aus. Vielleicht gelingt es noch nicht in Gänze beim ersten Mal, aber Übung macht die Meisterin.

Fazit

Wenn du dich zu oft entschuldigst und damit klein machst, dann darfst du genau jetzt bewusst hinterfragen, welches Sorry nicht sein müsste. Und du darfst hinterfragen, warum du dich kleiner machst. Wenn du merkst, dass du gerade stark an dir zweifelst oder Angst hast vor einer Situation, dann kannst du bewusst atmen, dich aufrichten und dir selbst deutlich sagen, dass du Zweifel und Angst gerade nicht brauchst, weil du das gut meistern wirst. Überschreibe nach und nach die Glaubenssätze, die dich daran hindern, dich selbst so zu mögen wie du bist.

Eine kleine Aufgabe zum Abschluss

In meiner Coachingausbildung hat mir diese Aufgabe besonders viel gebracht:
Bitte 10 Menschen aus deinem Umfeld (Familie, Freunde, Kolleg:innen o.ä.) dir 10 Eigenschaften zu sagen oder zu schreiben, die sie in dir sehen. Du wirst positiv überrascht sein, wie du von anderen wahrgenommen wirst.

Und wenn du direkt denkst, dass dir keine 10 Menschen einfallen, dann nimm eben nur 5 oder 7. Hier geht es ja nicht darum, die Aufgabe perfekt zu meistern. Sie soll dir gut tun.

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